Die Reichen


»Die zukünftige Welt wird den Spekulanten, den Räubern, den Raffern, den Schwindlern und Mördern gehören, und alles wird zugrunde gehen, weil mit dem Adel etwas Unermeßliches dahingeht: der spontane Sinn für das Absolute, die glorreiche Unfähigkeit zu sparen und auf die Seite zu legen, die göttliche Kühnheit, sich dem Nichts auszusetzen, das alle verschlingt, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Man wird die Kunst der Sparsamkeit erfinden, und der Mensch wird die Gemeinheit des Geistes kennenlernen.«
—Klage eines verarmten Kavaliers, zeitgenössisch

Die neethanische Oberschicht setzt sich aus der Erzherzöglichen Familie, den obersten Beamten und Höflingen, den städtischen Patriziern, höheren Geweihten und den gerade in der Stadt weilenden Granden und Kavalieren der Provinz Chababien zusammen. Diese schmale Schicht erfreut sich eines Luxuslebens und ignoriert die Armut der unteren Schichten vollkommen.
Herren wie Damen tragen tagsüber und im Hause ärmellose Tuniken aus weißer Seide oder feinem Linnen, die dem Waffenrock der Rondrageweihten angelehnt scheinen, an den Schultern mit goldenen Fibeln gehalten werden und am Saum reich mit Stickerei verziert sind. Die Damen schmücken Hals und Arme mit Gold und Juwelen. Der von einem seidenen Band zusammengefaßte Nackenzopf oder ‘Pferdeschweif’ erfreut sich bei den Damen fast ebenso großer Beliebtheit wie bei den Herren. Abends zu den Feierlichkeiten, Staatsakten und im Winter tragen die Kavaliere dagegen die neueste Mode des Lieblichen Feldes mit besonders luftigen Stoffen und lockeren Schnitten und der zartesten Silberspitze. Beliebt sind Fächer, zwischen deren Stäbchen frivole Bettszenen auftauchen. Nur noch selten sieht man die markgräfliche Tharinda-Medaille, die zunehmend durch die erzherzögliche Thalionmel-Medaille abgelöst wird.
Die Kavaliere feiern rauschende Fiestas, bei denen sich die exquisitesten Genüsse des Lieblichen Feldes mit tulamidischem und südlichem Prunk verbinden. Zwischen Federn, Degen, Handschuhen, Spitzen, künstlichen Blumen und juwelenbesetzten Schuhen werden Menüs mit vierzig Gängen serviert, dazwischen die kristallenen Kelche mit Zitronensorbets gefüllt, die nach Bergamotte duften. Der Schnee wird von den Hohen Eternen heruntergebracht, auf Eselrücken, eingehüllt in Stroh, nachdem er Monate zuvor in der Erde vergraben worden ist, und niemals geht in den Palästen von Neetha das Eis aus. Die Gaumen der Reichen kosten von mit eßbarem Blattgold verzierten Gerichten, getrüffelter Gänseleberpastete, gebratene Tauben, Drosseln und Wachteln, alanfanische Schokolade, Marzipan, und der Bosparanjer fließt in Strömen.
Das Erzherzögliche Hoftheater führt bombastische Opern (‚Der Chababische Wurm’) und boshafte Theaterstücke (‚Die tollen Zwillinge oder Die Saat der Finsternis’) auf. Besonders delektiert sich die feine Gesellschaft an den Stimmen der Kastratensänger. Als armer Leute Kinder regelrecht verkauft, wurden diese Künstler im Knabenalter kastriert, und ihr durch die Brustresonanz und Lungenkraft des Erwachsenen verstärkter Knabenalt oder –sopran ergibt ein faszinierendes Timbre, von dem besonders die Damen schwärmen.
Um ihre Füße nicht in den Schmutz der Straßen zu setzen, bewegen sich die Kavaliere zwischen den Villen, Palästen und Tempeln in samten gepolsterten Sänften mit vergoldeten Figuren auf den Dächern. Eigene Träger mit Sonnenschirmen sorgen dafür, daß die Reichen und Mächtigen auch bei den Spaziergängen in ihren Gärten im Schatten bleiben. Für Ausfahrten in die Umgebung nimmt man lieber einen der zweispännigen Fiaker, die an den öffentlichen Plätzen zu Dutzenden auf Fahrgäste warten. Vorläufer in den Livreen der Kavaliere verschaffen ihnen Platz und Respekt.
Die Kavaliere bewohnen marmorne Häuser und Paläste, meist in Hochneetha, und beschäftigen sich mit der Verwaltung ihrer fernen und unbekannten Güter, mit der Zukunft ihres Geschlechts, mit der Jagd, dem Spiel, den Kutschen, dem Hofieren, den Fragen nach Prestige und Vorrecht. Doch häufig sind die Villen, welche diese Adligen und Patrizier bewohnen, längst nicht mehr ihr Eigentum, sondern für aus Kuslik oder Grangor geliehenes Geld zum Pfand gegeben. Denn darin, daß sie auf Schulden leben, unterscheiden sich die Oberen nicht von den Unteren...
Doch das ist ihr Leben: wie ihre Söhne blutjunge Dienerinnen bedrängen, um sie dann schwanger ins Badilakaner-Asyl zu schicken, die astronomischen Schulden, die Halsabschneidereien, die versteckten Krankheiten, die zweifelhaften Geburten, die Abende in der Gerons-Loge, an denen die ererbten Ländereien verspielt werden, die Zügellosigkeiten in den Bordellen, die wütenden Streitereien zwischen Geschwistern, die geheimen Lieben, die fürchterlichen Racheakte - die Fähigkeit, sich von Brot und Wasser zu ernähren, obwohl man vor der Tür eine Sänfte mit vergoldeten Schnörkeln stehen hat, der ungeheure Stolz, die kapriziöse Intelligenz, die sich darauf versteht, müßig zu bleiben, weil es eine noble Pflicht ist...
Die Grandeza der Kavaliere besteht darin, daß sie keine Kosten scheuen, wie hoch sie auch sein mögen. Ein Kavalier rechnet nicht, er versteht nicht einmal etwas von Arithmetik. Dafür gibt es die Vizedomña, den Majordomus, die Dienerschaft. Ein Kavalier kauft nicht, noch verkauft er. Höchstens bietet er das Beste, was der Markt zu bieten hat, derjenigen als Geschenk an, die er seiner Großzügigkeit für wert hält. Wenn alles, was die chababische Erde hervorbringt und wachsen läßt, ihm kraft seiner Geburt, seines Blutes, der göttlichen Gnade gehört, welchen Sinn hat es da, wie ein Händler oder Kleinbürger über Gewinn und Verlust zu grübeln?

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Der Park des Palastes
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Der Phex-Tempel
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