Die südliche Lebensart


»Man muß Neetha wirklich sehr gern haben, um es ertragen zu können. Wenn ich nur daran denke, was mir passiert ist, als ich letzten Horastag hier im Hafen ankam. Ich hatte noch keine zwei Schritte gemacht, da fiel auch schon einer über mich her, der mir echte Zyklopenwaffen andrehen wollte, dann kam eine andere, die mein Gepäck tragen wollte, mich aber nicht etwa darum fragte, sondern versuchte, es mir mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und auf diese Weise belästigten mich noch hundert andere Leute: die eine bot mir eine Sänfte an, der andere eine Herberge, einer wollte schlicht Geld für eine Fahrt mit dem Postendienst Pertakis, weil er eine kranke Mutter im Spital von Drôl hat, und als ich dann aus dem Hafen heraus war, ging es erst richtig los: das Menschengewühl, das Geschrei, das grundlos ertönt, die Leute, die dich anrempeln, kein Mensch stellt sich in einer Schlange an, alle reden mit voller Lautstärke, dann die schrecklich primitiven Tavernen mit den schlechtesten Speisen der Welt, die verwahrlosten Gärten, der Lärm auf den Straßen, der Lärm der Werkstätten, der Lärm überall.«
—Brief einer Bethaner Kauffrau, zeitgenössisch

In der Typenkomödie des Lieblichen Feldes werden die Neethaner durch Aydan die Füchsin verkörpert: klug, gerissen, geschäftstüchtig – mit anderen Worten Händler, Diebe, Hehler. Und wirklich vereinigen die Menschen hier alle (Un-) Tugenden des Phex in sich. Reisende werden sofort beim Betreten der Stadt darauf angesprochen, ob sie ein Quartier brauchen – und wer die lästigen Frager nicht entschieden verscheucht, wird sie so schnell nicht los. In den Tavernen haben die Wirte angeblich kein Wechselgeld und geben dafür Lose heraus. Straßenhändler betrügen die ahnungslosen Fremden nach Strich und Faden – und genießen das ;-)
Wer zum ersten Mal nach Neetha kommt, wird gleich mit einem der wichtigsten Merkmale der Stadt konfrontiert: der Unordnung. So kommt jeder Neethaner, der etwas auf sich hält, aus Prinzip mindestens eine halbe Stunde zu spät, egal ob geschäftlich oder privat. Denn Zuverlässigkeit zählt nicht zu den neethanischen Stärken. Mehr als die Hälfte aller Verabredungen werden aus purer Höflichkeit getroffen und zeigen in der Regel lediglich an, daß man sich an und für sich gerne einmal verabreden würde. Irgendwann ;-)
Dennoch kann man Neetha den Ruf einer überaus (gast-) freundlichen Stadt nicht absprechen. Wahrt man in Grangor beim Kennenlernen erst einmal vorsichtige Distanz, kommt es beim ersten Treffen mit einem Neethaner leicht zum leidenschaftlichen Eingeständnis, daß der/die andere die erste wirklich große Liebe seines/ihres Lebens ist. Allerdings kann es passieren, daß man am nächsten Tag von der neuen Blutsschwester auf der Straße nicht erkannt wird oder der stürmische Verehrer ein paar Stunden später die nächste erste große Liebe seines Lebens gesteht. Solch schicksalshafte Begegnungen finden meist auf den zahlreichen Fiestas statt, bei denen stundenlang getanzt wird und der Anisschnaps in Massen fließt.
Die Neethaner sind impulsiv und heißblütig – im Guten wie im Bösen. Doch die vermeintliche Liebenswürdigkeit dieser Menschen hat einen Hauch von Korruption und Laster an sich. Man hüte sich, einen Neethaner zu beleidigen. Die Familie wird ihn rächen. Glaubt ein Fremder Brutalität und Egoismus der Neethaner durchschaut zu haben, stößt er manchmal auf eine unvermutete Warmherzigkeit und Menschlichkeit, die er gerade hier nicht vermutet hätte. Man hält zusammen – am liebsten gegen Fremde.
Die Neethaner sind neugierig – und sie tratschen um ihr Leben gern. Die Leute gehen auf den Markt nicht um etwas zu kaufen, sondern um andere Leute zu treffen, den neuesten Klatsch auszutauschen, sich für abends zu verabreden oder politisch zu diskutieren. Sie verwickeln auch Fremde sogleich in lebhafte Gespräche und beklagen sich gestenreich über die schlechten Zeiten – doch sie jammern wie die Katzen auf dem Dach, die ja gleichzeitig jammern und lieben ;-)
Zwischen den Wohnhäusern hängen die Wäscheleinen, und auf diesen laufen Nachrichten in Windeseile hin und her und verbreiten sich. So kann nichts von all dem, was in einem der Häuser geschieht, vor den anderen geheimgehalten werden: Liebschaften, Hoffnungen, Geburtstage, Ehebruch, Lottogewinne und Durchfall, alles muß allen bekannt sein. Keiner ist frei, aber keiner ist allein, und das milde Klima begünstigt den Strom der Nachrichten, da es erlaubt, Fenster und Türen offenstehen zu lassen.
Neetha blickt als ‚letzter Posten der Kultur’ ebenso überheblich auf Drôl - die einstige Herrin - hinab, wie man selbst in Vinsalt oder Methumis als Wilder Süden gilt. Dabei hat sich die Stadtbevölkerung in den jüngsten Jahren stark verändert. In die von der roten Keuche entvölkerte Stadt rief der Erzherzog Zuwanderer aus dem eigentlichen Lieblichen Feld zwischen Grangor und Methumis. Seither gibt es Streit und böses Blut zwischen Eingesessenen und Vinsaltern.

Die Armen
Die Reichen
Das Elendsviertel Chababbiata
Religion in Neetha
Tagesablauf
Die Geschichte der Stadt

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