Das Wunder der Heiligen Thalionmel


»Sieh das Land, das blühende, freundlich durchzogen vom Strome
Chábab, mit funkelnden Quellen speist er die friedlichen Weiden,
Grasend darauf die Herden, gestört nur vom Summen der Fliegen,
Unter dem schläfrigen Blick der dunkeläugigen Hirten,
Welche auf hölzernen Flöten verträumt ihre Lieder spielen.
Béleman trägt die Töne landeinwärts, der glühenden Khom zu.
Sengend brennt dort vom Himmel das Auge des Alveransfürsten,
Siedet die Wasser im Teich, läßt kochen das Blut der Nomaden,
Grimmig ihr Lächeln, wenn’s geht zum heilig beflügelten Kampfe,
Narben auf Wange und Stirn künden von zahlreichen Siegen,
Niederlagen nennt keiner sein Eigen, der lebt in der Wüste:
Tapfer bezeichnet und fürchtet man weithin die Sippen Ben Novads.

Also sprach einer im schattigen Zelt am Fuß einer Zeder,
Um die Schultern den Mantel aus blauem Damast, den man webte
Ferne in Unau, wo sie gewinnen die Körner des Salzes,
Salzige Körner, so zahlreich wie bald nur die Tränen Chababiens.
Also sprach er: »Ihr Söhne der Wüste, dort wo uns lächelt
Abends im fernen Westen die Sonne mit goldenen Strahlen,
Dort, so sagt man, liegen herrliche reiche Gefilde,
Üppige Früchte voll Süße tragen die Bäume des Landes,
Niemals verdorrt auf den Feldern das Saatgut, und niemals vergeblich
Schreitet der Bauer im Schweiß seines Angesichts hinter dem Ochsen.
Dorthin wollen wir lenken die schnellen Shadife, die weißen
Rosse, mit flatternder Mähne und todesverachtendem Jauchzen,
Dorthin wollen wir folgen dem besten, unserm Kalifen!«

Wehe! Die Rede gefiel den säbelschwingenden Kriegern,
Keiner, der zaudert und bleibt im heimischen Zelt bei den Weibern.
Und die Erde erbebt, als Rastullahs streitbare Scharen
Nahen den goldenen Felsen der Berge, dahinter die Lande,
Ahnungslos vor dem Übel, das jäh in die Stille hereinbricht
Wie der Blitz in die Wipfel der blühenden Bosparanie.
Schon von weitem grüßt sie Neetha, die Weiße, die Reiche
Dort am wogenden Strand des Siebenwindigen Meeres.
Ruhmvoll weht auf den leuchtenden Dächern der Türme, Paläste,
Burgen und Tempel das Banner des Zwölfgötterreiches.
Schützend strömt der freundliche Chabab mit lehmbraunen Fluten,
Einer natürlichen Grenze gleich, vor dem schlafenden Orte.
Einzig die Brücke, die kühn geschwungene, führt dort hinüber,
Ebnet dem Feind den Weg zu den üppigen Landen am Yaquir.

Als nun von jenseits der Berge im goldenen Wagen herbeizog
Jener Tag, den man schrieb mit eigenem Blut in die Bücher,
Als nun die frühesten Strahlen der Sonne die Erde berührten,
Spiegelte sich ihr Licht auf den Brünnen und Helmen und Lanzen,
So voll trefflich gewappneter Reiter war da die Eb'ne.
Kaum schlug zweimal bebend das Herz, als vom höchsten der Türme
Scholl des wachenden Hornes heldenerweckender Schlachtruf.
Kaum war diesem vom Reiterheere die Antwort erklungen,
Als sich die Tore und Türme füllten mit wackeren Streitern.
Heftig entbrannte der Kampf, und droben, in Alveran brüllte
Rondra, die himmlische Leuin, und schwang ihr Schwert aus Eternium.
Wie der Bauer im Travia, dem sonst so friedlichen Monde,
Schneidet mit wandernder Sense die goldenen Halme des Kornes,
Ebenso hielt die Löwin in Eintracht mit ihrem Bruder
Boron reiche Ernte unter den tapferen Streitern.

Lange wogte der Kampf, und tausendfach jagten die Pfeile,
Fliegend wie Scharen silberner Falken, die wehrlose Beute
Greifend im raschen Sturzflug aus wolkenverhangener Höhe.
Mancher war es, der heute zum letzten Male die Sonne,
Deres schönes Antlitz geschaut. Nun mußte er Abschied
Nehmen vom Leben, vom Lieben und seinen Leuten. Doch schließlich
Wankten die Reihen von Neetha und strömten zum schützenden Tore,
Ganz, als flösse der Chabab zurück zu den eigenen Quellen,
Und wie das endlose Meer ins trocken gewordene Flußbett
Folgte die Schar der Wüstenkrieger und schrie »Für Rastullah!«

Wehe Chababien! Wehe dir, Neetha! Hat dich denn alles,
Was du besessen an Heldenmut und an Ruhm, nun verlassen?
Liegt denn schon deine Jugend, die Blüte, blutend im Staube?
Soll die Pforte des Südens sich öffnen dem grimmigen Feinde,
Ihm die Schlüssel zum Reich übergeben und schimpflich versinken
Wie ein Stern im West, wenn aus Osten einbricht der Morgen?
Klagend tönten die Glocken der Tempel durch Gassen und Straßen,
Weinten mit kupfernem Klang schon über den Tod ihrer Kinder.
Ach, es verließ die Streiter der Mut, es sanken die Banner,
Staub und Blut verwischten die leuchtenden Wappen der Ehre.

Eine nur hielt die Fahne, hei! Wie flattert’s im Winde!
Rot auf schneeweißem Grunde prangte das Haupt einer Löwin,
Rot auf schneeweißen Schultern wallen die Locken der Schildmaid:
Einst rief Rondra Thalionmel in die heiligen Dienste.
Kniend im Tempel vernahm sie nun zu Füßen der Göttin,
Wie die Ihrigen wichen und gaben verloren Chababiens
Erde, die sie geschworen mit ihrem Blut zu beschützen.
Flehend erhob sie die Arme zur alveranischen Herrin,
Flehend sprach sie: »Du göttliche heldenbeschirmende Löwin,
Laß nicht zu, daß die Stadt und das Land in die blutigen Hände
Fallen, die Hände des Feindes, der schlachtet und mordet, die Männer,
Frauen, Greise und hilflosen Kinder. Höre das Weinen
Deines Volkes. Zürnst du uns und forderst ein Opfer,
Nimm es hin, das Blut errette Neetha, das reine.
Nimm es hin, doch nicht das Blut der wehrlosen Kinder,
Nimm es hin, das Blut Deiner Magd, die dir ergeben.«
Sprach es und gürtet das Schwert und aufs Haupt, das sorgenerfüllte,
Setzt sie eilig den schützenden Helm mit dem wallenden Roßschweif,
Tritt vor die Tore des Tempels, die Heimat auf ewig verlassend,
Um sich mit ewigen Banden an die Heimat zu binden.

Seht! Das staubige Schlachtfeld, bedeckt ist’s von Neethaner Edlen,
Himmelwärts weisen die Lanzen der siegreichen Söhne der Wüste.
Einsam und schutzlos liegt nun die Brücke, die Pforte geöffnet,
Wartend darauf, zu beben vom tönenden Hufschlag der Rosse.
Dorthin stellt sich die Heldin, füllt mit den Schultern, dem Langschild
Breite und Durchgang des Steges, allem trotzend, was komme.
Wie eine Herde von Stieren, wenn sie die Bremse gestochen,
Stürmt das wütende Heeer auf sie nieder, Staubwolken wirbelnd,
Tod und Verderben verheißend. Thalionmel! da steht sie aufrecht,
Mögen auch Lanzen und Pfeile die wackere Schwertmaid bedrängen!
Weithin tönt ihr Schlachtruf, mahnt die Gefährten zur Rückkehr:
»Greift zu den Waffen«, so ruft sie, »den Tapfern alleine hilft Rondra.«
Aber umsonst erfleht sie die Hilfe der fliehenden Menschen,
Einzig bleibt ihr das Flehen zur schlachtenglückwendenden Göttin.
»Blick, o Herrin, von Alverans Feste herab auf die Tochter:
Menschenwerk ist vergebens, in dir alleine liegt Rettung.
Laß nicht zu, daß ich falle zum Spott in die Hand meiner Feinde,
Lieber den Tod als Neetha des Glücks und der Freiheit beraubt sehn!«

Heftig hämmert der Hufschlag gegen die eichenen Planken,
Heftig hämmert der Schwertschlag gegen die eiserne Brünne.
Vielfach strömt aus den Wunden der Heldin purpurn das Leben,
Malt auf den schneeweißen Mantel die schrecklichen Zeichen des Todes.
Noch steht Thalionmel aufrecht, lauscht dem Singen der Pfeile,
Lauscht dem Trommeln der Hufe, lauscht dem Lied ihres Schwertes.
Plötzlich ein Donnern, ein Rauschen, gewaltig erfüllt es die Lüfte,
Silberne Gischt spritzt empor aus dem aufgewirbelten Strome,
Rufe des Schreckens... es wanken, es krachen, es bersten die Balken,
Nieder die Brücke, der blutige Steg, er stürzt in die Fluten,
Hunderte mit sich reißend, deren Namen vergessen.
Nur ein einziger Name bleibt im Gedächtnis der Menschen.
Fragen eure Kinder und Enkel nach der Heldin Chababiens,
Nennt ihnen Thalionmels Namen, den Namen der Löwin von Neetha.«


Über keine Figur der neethanischen Geschichte ist mehr geschrieben worden als über Thalionmel – und über keine sind die Berichte widersprüchlicher. Sie starb mit achtzehn oder einundzwanzig Jahren, sie kam vom Land oder aus der Stadt, ihre Eltern waren Bauern oder Adlige, sie war Kriegerin oder Rondra-Priesterin, Jungfrau oder keine, eine Unbekannte oder bereits bekannte Heldin, vierhundert oder mehr als tausend Novadis, geführt von einem Pascha oder dem Kalifen, zogen von Süden, Norden oder beiden heran, es wurde eine Schlacht geschlagen oder nicht, ein Rat gehalten oder nicht, sie führte ein zweihändiges Schwert, aber auch einen Schild, es starben alle Novadis oder nicht, sie versank im Chabab, doch ihre Tunika wird im Rondra-Tempel gezeigt, ihr Schwert lag im Chabab, wurde jedoch beim novadischen Feldherrnhügel gefunden…

Die Markgrafen von Neetha

Die Feldzüge der Novadis
Der Niedergang der Stadt