Die rote Keuche
Das wichtigste Ereignis der jüngsten Vergangenheit war die rote Keuche, genannt der Rote Tod. Nie zuvor hatte man diese Seuche gesehen: Auf dem Körper der Kranken zeigten sich eitrige, brennende, erbsen- bis taubeneigroße Pusteln, die nach längstens einem Dutzend Tagen aufbrachen; das gleichzeitige schwere Fieber brachte den meisten den Tod. Den Überlebenden blieben von den Pusteln Narben zurück. Die Krankheit brach im Peraine 1018 BF. in Gravina aus, gelangte bald ins Chabab-Tal und an die Drôler Küste. Die ersten Toten in Drôl und Neetha gab es in den Tagen des Namenlosen. Die größte Ausdehnung des Seuchengebietes reichte von Bilhen im Süden bis Malur im Norden.
Aufopferungsvoll pflegten Peraine-Priester und Ordensleute – Therbûniten, Badilakaner, Anconiten – die Kranken und verbrannten die Toten auf Scheiterhaufen. Dabei trugen sie Schnabelmasken mit geweihten Kräutern und essiggetränkten Tüchern. Sammlungen unter den Reichen und Mächtigen in ganz Aventurien, bis nach Festum und Aranien, erbrachten mildtätige Spenden für die Seuchenopfer.
Die Menschen sahen die Seuche als Strafe der Götter für ihre Sünden und taten Buße. In Drôl erklang der Gong des Praios-Tempels zwei Tage und Nächte unablässig. Eine Prozession von Geißlern bat den Gott um Gnade. In Methumis predigte der fanatische Fra Praionor vom Weltuntergang, und die Bürger erhoben sich gegen den Herzog, um in der Stadt die Herrschaft des Praios aufzurichten. Nach wenigen Tagen eroberte der Herzog die Stadt zurück und ließ den Prediger als Sünder gegen die Ordnung des Praios verbrennen. In Neetha lernte der Erzherzögliche Hof von diesen Ereignissen und ging den Büßern mit eigenem Vorbild voran. Die Kavaliere und Patrizier fasteten, der Erzherzog küßte kniefällig die Reliquien der Heiligen.
Doch wäre es nicht Neetha, wenn die Oberen nicht bald einen Weg gefunden hätten, ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen: Als Cedors und Ydras ältestes Kind, der junge Phrenos, an der Seuche starb, gaben sie für die trauernden Eltern prächtige Bälle – selbstverständlich in Trauerschwarz. Noch wußte niemand den Ursprung der Seuche: Saya di Zeforika, eine Jüngerin des Halbgottes Borbarad, hatte sie beschworen, um die Weltherrschaft ihres Meisters vorzubereiten. Am Chaos der Seuche scheiterten Cedors und Ydras Versuche, die Herrschaft des Namenlosen in Neetha zu errichten – Ydra kam durch Gläubige der Zwölfgötter ums Leben.
Ein Strom von Flüchtlingen ergoß sich nach Mengbilla und in die Städte des Lieblichen Feldes, bis die Grenzen geschlossen und die Menschen mit Gewalt zurückgetrieben wurden. Im Chabab-Tal, dem Zentrum des Seuchengebietes, starb mehr als die Hälfte der Menschen, in Drôl oder Thegûn ein Drittel. Nach schweren Ausschreitungen, Plünderungen und Brandschatzungen kehrten die Flüchtlinge im Lenz 1019 BF. in ein wüstes und leeres Land zurück. Es kam zu keiner Hungersnot, war doch teilweise die Ernte, aber keine Saat ausgefallen – und weniger Menschen mußten essen...
Cedors Tod
Die Gegenwart
Das Chabab-Tal