Neethas goldenes Zeitalter
In der Frühzeit der Eslamiden auf dem Kaiserthron erlebte Neetha sein Goldenes Zeitalter. Die Von Phex Und Efferd Gesegnete Stadt räumte den Priestern ihrer beiden Stadtgötter eine besondere Rolle in der Stadtregierung ein. Handel und Seefahrt blühten. Patrizier wie der Glasbläserkönig Lorimo della Cordaio erwirtschafteten Vermögen, von denen ihre Erben seither zehren. Der Dichter Eslam Neriander nannte Neetha »die schönste aller sterblichen Städte«. Er war Neethaner. So friedlich, glücklich und gastfreundlich ging es zu, daß den Nachtwächtern verboten werden mußte, mehr als zwei Kopfkissen auf Wache mitzunehmen. Maler, Bildhauer, Architekten, Philosophen, Dramatiker, Komödienschreiber lebten und wirkten in der Stadt. Die Dichterin Neetya Loramidis schrieb:
»Wein ist in Fülle zur Hand, der niemals droht zu versiegen,
Der uns mit duftiger Blum’ locket im tönernen Krug.
Heiligen Wohlgeruch läßt in der Mitte der Weihrauch entströmen,
Kühlendes Wasser ist da, süßes aus lauterem Quell.
Weißbrot gibt es und Käse, dazu dickflüssigen Honig,
Unter der Speisen Gewicht beugt sich der stattliche Tisch.
Ganz mit Blumen bedeckt, so steht der Altar in der Mitte,
Und vom Reigengetön hallet in Festlust das Haus.
Göttern erklinge zuerst der Gesang der dankbaren Menschen,
Sie erhebe Gebet und Gaben, Worte ehrfürchtig und froh.
Hat man die Spende gebracht und gebetet um Kraft und Vermögen,
Freudig zu feiern in der von Phex und Efferd Gesegneten,
Dann ist’s Übermut nicht, so viel dem Becher zu huld’gen,
Daß, wer vom Alter nicht schwach, ungeführt komme nach Haus.«
Einen berühmten Wettkampf um das getreueste Bild lieferten einander Pagol Gazpacho und Dorlen von Silipo: Nach den Regeln mußten beide Werke bis zuletzt von Tüchern bedeckt sein. Das Los bestimmte Gazpacho, das Tuch als erster wegzuziehen. Sein Gemälde stellte eine Weintraube dar. Gazpacho hatte die Traube so täuschend gemalt, daß sich ein paar Vögel auf dem Bild niederließen und versuchten, sie anzupicken. Da sagte der Maler, der sich schon als Sieger fühlte, zu seiner Gegnerin: »Es tut mir leid für dich, Dorlen, diesmal hast du wohl verloren; doch ziehe auch du das Tuch weg und laß uns dein Werk sehen.« – »Das ist unmöglich«, erwiderte da Silipo, »mein Tuch ist gemalt!«
Der Austausch mit den tulamidischen Provinzen des Garether Reiches veränderte Neetha. Es kam zur friedlichen Durchmischung der Bosparaner mit tulamidischen Einwanderern. Tulamidische Einflüsse traten in der Architektur, den Speisen, Namen, Gewohnheiten und Gesichtern zutage. Tulamiden eröffneten die ersten Badehäuser der Stadt. Tulamiden und Hesinde-Gläubige gründeten das Phantasmagorische Institut, eine Schule der sinnestäuschenden Magie.
Die Bauwerke und Kunstschätze jener Zeit prägen die Stadt bis heute. Auf den Ruinen des seeköniglichen Palastes entstand ein neuer Palast im tulamidisch inspirierten Baustil der Eslamiden. Die Tempel erhielten üppige Altäre im ucurianischen Stil der Priesterkaiser. Eine neue Kuppel des Rondra-Tempels prägte die Silhouette der Stadt. In den Gärten der Reichen wurden exotische Bäume, Sträucher und Blumen gepflanzt.
Neben Phex und Efferd gewannen Rahja und Hesinde an Einfluß. Die Familie Oikaldiki stiftete einen wohlgeformten Rahja-Tempel in der Nähe des Hafens. Neetha wurde zum Sitz der hesindianischen Kulturregion Südaventurien bestimmt. Als oberste Hesinde-Priesterin der Stadt amtierte eine Erzwissensbewahrerin. Die Pläne für einen neuen Hesinde-Tempel wurden allerdings erst später verwirklicht.
Der Freiheitskrieg des Lieblichen Feldes
Der Palast des Erzherzogs