Hochzeit auf Eskenderun/IX

IX.
Immer weiter trieben die Ruderschläge die Barke in gerader Linie durch den weiten See. Rundum war nichts zu sehen, denn das Wasser verschmolz mit dem dichten Nebel, so daß sie ins Nichts zu reisen schienen. Gedanken an das Nirgendmeer kamen auf, Gedanken an die Gefilde der Feen und der unsterblichen Elfen.
Die Acht musterten einander: Hier Delhena, der Cedor einmal seine Liebe gestanden hatte und deren Geburt und Vergangenheit dunkler waren als ihr Gesicht, das wenig über die Tulamidin verriet. Das Rot ihrer Haare brannte vor dem diffusen Grau des Sees. Dort Agadir, der letzte derer, die mit Cedor einstens den Thegûner Bund eingegangen waren, um sich gegen die Kaiserin zu erheben: Wie hatte sich das Antlitz der Welt seit jenen Tagen gewandelt... Am Bug Nazir aus dem Güldenland jenseits des Ozeans der Sieben Winde. Goldene Augen und schwarze Haut hatte er und nannte sich Gesandter des Reiches von Balan und Cantera: Er ragte herüber aus jenen älteren Tagen, da die Güldenländer aufgebrochen waren, um Aventurien zu erobern, und als Horas das Reich von Bosparan schuf. Umhüllt von einer Aura des Wissens Erynnion, der höchste Priester Chababiens, ein tiefblickender Geist seiner Kirche. Als Draconiter verband ihn vieles mit dem Ziel der Fahrt.... Meinhard war der einzige, der Cedor schon gekannt hatte, als dieser ein wandernder Abenteurer war, ohne Heimat verloren im Getriebe der Welt. Seite an Seite hatten Meinhard und Cedor um ihr Leben gefochten. Der Jüngste war Aran: Cedor liebte ihn als Knappen und Ritter, doch Arans Augen waren traurig.
Gleichmäßig teilte die Barke die trüben Fluten, undeutlich flackerte die kreisrunde Sonnenscheibe hinter den Nebeln. Im Heck saßen Lutisana ay Oikaldiki und Cedor de Celianada. Sie waren es, deren Schicksalslinien heute verknüpft werden sollten. Die anderen kamen als Zeugen. Schließlich brach Nazir ter Vaan, der unruhig in die undurchdringlichen Schleier spähte, das Schweigen: „Wohin fahren wir?“
„Nach Abbadom“, antwortete der Trodinar ohne Zögern.
„Abbadom?“ rief Agadir und sprang auf, so daß die Barke im Wasser gefährlich schwankte. „Ist das nicht das verwunschene Kloster voll Götzendienerei?“
Erynnion ergriff begütigend das Wort: „So nehmt es doch mit Ruhe, edler Baron. Ich will gleichwohl nicht verhehlen, daß ich überrascht bin, wiewohl ich es ahnte. Abbadom! So ist die alte Abtei am jenseitigen Ufer des Sees keine Legende? Abbadom... Man hat mir erzählt, daß es der letzte Ort sei, wo noch der vergessene Kult der hohen Drachen gepflegt werde. Aber ich hielt es für ein Gerücht.“
„Nein“, sprach Lutisana, und ihre Stimme nahm einen singenden Tonfall an, wie eine Priesterin bei der Rezitation eines Gebetes, „Abbadom ist wahr und wirklich im Diesseits unserer Welt, wenn es will, und vergangen und verschlossen hinter der Grenze zum Jenseits, wenn es denn will. Es gewährt nur den Erwählten Zutritt, die seiner würdig sind. Es steht gewiß auf der Halbinsel über dem See, die man bei klarem Wetter sogar von den Zinnen Eskenderuns sehen kann, aber wollte man sich mit Gewalt Einlaß verschaffen, Jahr und Tag und jeder Stein umgedreht und jeder Grashalm ausgerissen würden dennoch keine Mauer der Abtei zum Vorschein bringen. Abbadom schwebt an der Grenze zu einer Nebenwelt, die der unseren ähnlich ist, aber nicht gleicht... Darum müssen wir durch die Nebel fahren, die nicht dieses Morgens Zufall sind: Sie bilden den Übergang.“
„Hm... eine Globule“, murmelte Erynnion zu sich.
Aran hatte ungeduldig zugehört, jetzt platzte er heraus: „Aber wie sollen wir den Weg in dieser Nebelsuppe finden? Rudern wir gar im Kreis? Und was mag uns am Ende erwarten?“
„Seid ohne Furcht!“ sagte Cedor de Celianada zu allen. „Ich bin schon in Abbdom gewesen. Es ist uns wohlgesonnen und erwartet uns. Die Herrin von Abbadom ist... mir verbunden. Was den Weg angeht, bitte ich euch: Habet Vertrauen! Wie immer wir rudern, wenn Abbadom will, weist es der Barke den Weg.“

Part X