Hochzeit auf Eskenderun/XXI
XXI.
Bleigrau spannte sich das glanzlose Gewölbe des Himmels über Dere, als eine kalte, freudlose Dämmerung anbrach, mehr Ahnung vom Werden des Lichts als merkbarer Anbruch eines Tages. Zögerlich rötete sich jene diffuse Linie, wo zu anderen Zeiten weit in der Ferne des Ostens die Gipfel der Eternen schimmerten, und dann, lodernd und Schrecken verheißend, gebar der Horizont die flackernde Fackel der Welt, das Leuchten des unbarmherzigen Fürsten der Götter, und seine rote Flamme tauchte wie ein Widerschein von Brand und Krieg Dächer, Zinnen und Mauern von Karsina in einen Strom verschmierten Blutes. Schrill und blechern gellten Trompeten hüben wie drüben, doch leise und beharrlich wuchs das dumpfe Schlagen der Trommeln, und dieser Ton schwoll an und machte beben, wer ihn hörte, und erstickte alle hellen Klänge: Tag und Stunde waren gekommen.
Heraus aus dem Tore der Stadt ritt er, der letzte Sohn des Hauses ash Manek, und wie der Glanz des Abend alter Zeiten lag es auf Helm und Harnisch. Heraus ritt er, und sein Name, Aran Therim ash Manek, sollte am Ende dieses einen Sonnenlaufes als der des Siegers oder Toten genannt werden. Ein Drittes gab es nicht. Edel war sein Antlitz, und entschlossen. Blutig leuchtete sein Wappentier, der despotische Stier, auf schwarzem Mantel, dessen Flattern das Schlagen von Golgaris Rabenschwingen zu künden schien. In der Blüte seiner Jugend stand der Cavalliero, doch Alles zu setzen verlangte die Partie.
Sternengleich blinkten die Kettenglieder am Panzerhemd Cedor de Celianadas, der, vortretend aus den Reihen der Belagerer, dem gefallenen Alveraniar nun entgegentrat. Verschlossen, trotzig gar, zeigte des Eskenderuners Miene schieren Willen, nicht zu weichen, allein in Borons Hallen. Der rote Pfau seines Schildes schickte sich an, wider den Stier zu streiten, und fürwahr, so wie die Kontrahenten sich mit Blicken maßen, eiserne Faust gegen stählernen Schild, Mut gegen Zorn, Wahrheit gegen Gerechtigkeit, wollte niemand die größere Stärke ermessen. Feindlich wie Licht und Finsternis, Wasser und Feuer, dabei Bruder und Bruder.
„Haltet ein, edle Herren, um ein vielleicht letztes Wort zu sprechen, eh’ Ihr die Schwelle Uthar überschreitet!“ riefen die zu Zeugen des Straußes ernannten Edlen Irion ay Oikaldiki und Cyberian von Wolfenstein.
„Nur dies, ihr alle hier Versammelten“, wandte Aran Therim sich mit heller Stimme an die Hunderten ringsum. „Ihr wißt, warum der Streit, der indes keiner ist: Denn rechtens an mich nehmen will ich das Raubgut dieses Menschen hier, als wahrer Erbe von Eldoret und als Diener der heiligen Gerechtigkeit. Ein Verräter an meinem Vater ist er, was an seiner Furcht vor meiner Hand hier sichtbar wird, und zwar so klar wie Praios‘ Licht. Er stahl meines Vaters Sohn das Kostbarste in Aventurien, die Liebe Lutisanas. Meine Treue ward mißbraucht. Auf alle Götterläufe sei er gestraft. Darum werde ich mit dem Segen der Heiligen und Unteilbaren Zwölf sein Diesseits tilgen, auf daß im Jenseits er die Seelenwaage Rethon schaue.“
„Schweige von Treue“, flüsterte Cedor de Celianada, und sein Wort war nur an Aran Therim gerichtet. Es klang seltsam, gespannt zum Zerreißen wie ein beinerner Bogen, nicht aber gleich dem Keuchen sturmgebeugter Eschen, sondern dem Zittern im Stamm einer tausendjährigen Eiche, die zum ersten Mal ihr allzu nahes Ende sieht: „Du hast in der Verletzlichkeit eines törichten Knaben meine Liebe zu dir zerstört, zerstört etwas, das tief reichte...“
Als er sein Langschwert Farimbash-Rondrasham aus der Scheide zog, glitzerte die Klinge wie tödliches Eis, und sie schwang, pfeifend die Luft schneidend, gegen den zum Feind Gewordenen. Ein Blitz fuhr dazwischen, mißtönendes Klirren, und das war das Schwert des Cavallieros Aran, der den ersten Streich parierte. Unseliger Tanz, dessen Begleitmusik des Nirgendmeeres Rauschen war! Schilde wurden im prasselnden Hagel der Hiebe verunstaltet durch Dellen und Beulen, wie Hammer auf Amboß dröhnte Klinge auf erzener Kuppel des Helmes.
Wirbelnden Attacken Don Cedors setzte Aran eine heißblütige jugendliche Fechkunst entgegen, vor der ein anderer die Waffen gestreckt hätte. Springt er nicht da, raubtiergleich, zum Gegenstoß? Metall auf Metall, das Schwert durchstößt sich biegende Panzerringe, schneidet Leder und Haut: Blut quillt aus der Seite Cedors, der sich zusammenkrümmt, den Schild gegen den nächsten Stoß hochreißt.
Schwerer wird beiden die Rüstung, doch der Kampf geht unerbittlich weiter: Stich und Schlag, Stoß und Gegenstoß, Hieb und Schild: einen Lidschlag der Trodinar betäubt, Arans Klinge trifft den entblößten Schwertarm des Feindes. Tropfen röten Rüstung und zerfetzten Waffenrock. Cedor krallt im Schmerz die Hand um den Schwertgriff, daß die Knöchel weiß werden. Schweiß perlt auf seiner Stirn, doch er nimmt seinen zähen Willen zusammen, setzt dem kaum verletzten Cavalliero zu.
Dreimal donnert die Zyklopenklinge auf Aran nieder, dreimal wehrt er sie ab, wirft den unbrauchbar gewordenen Bullenschild weg: Don Cedor entgegen schleudert er ihn, setzt mit einem Stich gegen den ungeschützten Hals nach: Cedor lenkt den mächtigen Stoß ab, verliert Blut und wankt, er wankt, aber er fällt nicht!
Aran springt zur entscheidenden Attacke vor, nein! Er strauchelt, stürzt! Da reißt der andere das Langschwert hoch und läßt es niedersausen – nur seine Waffe bleibt dem schildlos Liegenden zur Abwehr. Mit verzweifelter Kraft kreuzt sie den Weg der anderen Klinge. Ein sirrendes, brechends, berstendes Geräusch! Zerschmettert fliegen Splitter aus Arans Schwert umher! Jäher Schmerz, strömendes Blut: Farimbash hat die rechte Schulter getroffen.
Der junge Cavalliero will sich wegrollen, aufrichten, doch da steht, zitternd, der Trodinar, und dessen Blut und Schweiß mengen sich im Staub mit dem seinen. Noch einmal begegnen sich kurz die beiden Augenpaare, und die ganz in der Nähe stehen, hören oder ahnen, wie Cedor ohne Haß, vielleicht mit Trauer sagt: „Es ist zu spät, Aran“ – und alle sehen, wie sein Langschwert, dem verwundeten Arm gehorsam, ein Leben nimmt.
Cedor de Celianada war wie in einem Traum, als er sich abwandte, und so klagte er: „Ach süße Galle des Triumphs, der Niederlage ist! Wann gab es jemals solch ein junges Leben, zerbrochen tragisch und vergeblich. Mir ist, als ob in mein Herz bohre sich der Stahl, kalt und dürstend stets nach Blut. O Tod, bar jeden Sinns! Wer gibt mir wieder, was verlor’n, und wer trägt Schuld, daß es verlorenging, wenn ich nicht?“
Der Leichnam des jungen Cavallieros wurde seiner Mutter in den Schoß gelegt. Um seinen Mund spielte ein verträumtes Lächeln.
Finis
Zum Glossar dieser Erzählung