Hochzeit auf Eskenderun/II
II.
Lutisana ay Oikaldiki war auf dem Weg nach Eskenderun. Es war eine dunkle Nacht, denn sie und ihr Gefolge waren langsamer vorangekommen als erwartet, und obwohl es schon die ersten Tage des Sommers waren und die Sonne daher spät versunken, hatte sie doch zuletzt das Vergehen des Greifenlichtes gesehen.
Lutisana saß in einer schaukelnden Sänfte, die zwei Pferde trugen. Sie war eine Frau, die die Knospen der Jugend hinter sich gelassen hatte, doch in der vollen Blüte von dreiunddreißig Götterläufen stand. Man nannte sie schön und sprach damit sogar die Wahrheit. Aber auch wenn sie es nicht gewesen wäre, hätte man nichts anderes gesagt. Denn Lutisana entstammte dem alten und vornehmen Haus ay Oikaldiki, das unter dem Zeichen des güldenen Pfauen viele Menschenleben lang das Land Chababien beherrscht hatte. Sie war der letzte Schatz, den dieses Haus zu vergeben hatte.
Denn kurz vor der Zeit, da diese geschilderten Ereignisse sich zutrugen, waren die Oikaldiki gestürzt, ihr Haupt seiner Stellung entkleidet und verbannt worden. Denjenigen, der dies zuwege gebracht und sich an ihre Stelle gesetzt hatte, diesen Abenteurer, der als Trodinar von Thegûn nun der Herr von Chababien war, mußten die Oikaldiken hassen. Sein Name war Cedor de Celianada. Seine Burg war Eskenderun.
Lutisana ay Oikaldiki war auf dem Weg zu Cedor de Celianada. Sie hatte ihn auf dem Sommersitz der gedemütigten Oikaldiki kennengelernt, in der Stadt Despiona. In Eskenderun war sie noch nie gewesen. Dorthin ging sie nicht als sein Widerpart, als Tochter ihrer Familie. Ihr Ansinnen war es nicht, den Feind ihrer Eltern und Geschwister etwa zu töten, wie es das Gesetz der Fehde in Chababien verlangt. Nach Eskenderun ging Lutisana, um Cedor de Celianada zu heiraten.
Ihre ränkereiche Mutter Viviona und ihr schwacher Vater Irion Tharat, ihre kühle Schwester Nelene und ihr ungestümer Bruder Furro würden nicht auf dieser Hochzeit erscheinen. Sie hatten den Gang ihrer Tochter und Schwester verwünscht und den elterlichen Segen verweigert. Der Vater der Braut würde dieselbe dem Bräutigam nicht zuführen. Lutisana ay Oikaldiki aber lieferte sich dem Trodinar von Thegûn leichten Herzens aus.
Es war nicht das erste Mal, daß ihr eigener Wille über die Wünsche der Familie obsiegte. Als kleines Mädchen hatte sie die magische Gabe entdeckt und so lange gebettelt, bis man sie im Umgang mit dieser Gabe unterwies. Nicht aber den besonders gelehrten und angesehenen Zweigen der geheimen Kunst fühlte sie sich zugetan, sondern erkämpfte sich den Weg zur Zauberschule der Lagunenstadt Grangor, wo die jungen Magier in falschen Bildern und täuschenden Tönen, in zauberischen Lustbarkeiten und Ergötzungen, in arkanen Spektakeln und Gaukeleien, in phantasmagorischen Szenen, kurz: in der Illusionistik unterwiesen werden.
Denn Lutisana mochte ihre Gabe nicht gebrauchen, um mit feurigen Blitzen und beschworenen Krankheiten wehrlosen Menschen Leid anzutun, auch nicht dazu, mit Manipulationen des Geistes andere zu Handlungen wider den eigenen Willen zu zwingen oder listig inneren Gedanken zu lauschen. Sie wollte aber auch nicht als Kundige der Heilzauberei mit eklen Geschwüren in Berührung kommen und sich täglich mit Sterbenden und Leidenden umgeben, wie es der Dienst der Perainepriesterinnen ist.
Nein, Freude und Lust, Wonne und Entzücken wollte sie den Menschen bereiten, sie zum Lachen, Staunen und Freuen bringen. Bunte Bilder aus magischen Linien weben, phantastische Sinnestäuschungen bewirken, das war die Kunst, worin sie sich in Grangor übte. Später zog es sie zur Vermehrung ihres Wissens um die Geheimnisse der Zauberei nach Punin, wo die Hohe Schule der Grauen Gilde des Geistes steht.
So lernbegierig sie sich Mada als Göttin gewann, so glutvoll loderten Rahjas Gefühle in ihr auf, als sie Cedor de Celianada begegnete. Damals war er noch einer anderen Frau in Travias Wort verbunden, doch das ließ ihn nur noch begehrenswerter erscheinen... Lutisana lächelte in der schaukelnden Sänfte, als sie an den Beginn ihrer Liebe dachte.
Aber plötzlich ergriff sie Angst. Ihr Gefolge war nicht sehr zahlreich, der Weg nicht ganz gewiß, Chababien ein gefährlicher Landstrich. Sie schob einen der Vorhänge zur Seite und spähte in die Finsternis, die den Weg umgab und zu verschlucken schien. Was für eine dunkle Nacht! Der Himmel schien bewölkt zu sein, denn die Madascheibe warf kein Licht in den Wald von Pinien und Bosparanien, durch den der Zug der Braut sich bewegte. Eskenderun mochte nah sein, aber verzweifelte Gesetzlose vielleicht noch näher. In jenen Tagen hatten sich die Armen und Verzweifelten des südlichen Lieblichen Feldes nämlich zu regelrechten Banden zusammengeschlossen und bedrohten selbst ganze Gruppen bewaffneter Reisiger.
Lutisana ay Oikaldiki mußte auch fürchten, von einem der Neider Cedor de Celianadas überfallen zu werden, denn der rasche Aufstieg des Trodinars hatte ihn anderen jungen Adeligen entfremdet, ihm gleichzeitig aber unversöhnliche Gegner aus den Alten Häusern des Landes geschaffen. So groß sein persönlicher Ruhm war, über so wenig Schwerter gebot er trotzdem, um sein Stammlehen und die Grenzen zu den Götzendienern der Wüste zu halten. Zudem gebot es die Sitte, daß die Braut von ihren eigenen Verwandten oder Freunden geleitet wurde, bis sie Angetraute dessen war, der dann bei Ehre und Leben zu ihrem Schutz verpflichtet war.
Unruhig suchte Lutisana mit den Augen nach dem Anführer ihres Geleitzuges. Kühle Nachtluft strich um ihre Wangen. In vereinzelten kalten Sternenstrahlen blinkten bläulich die stählernen Rüstungen der Reiter. Es wurde kein Wort gesprochen, nur die Hufe der im Schritt gehenden Rösser schlugen dumpf auf den dunkelgrau scheinenden Straßenstaub.
„Aran Therim ash Manek, mein Cavalliero! Sagt, wie lange mag es noch hingehen bis nach Eskenderun?“
Ihre Stimme klang besorgt.
Der angesprochene Ritter lenkte sein Pferd an die Seite der Sänfte und antwortete respektvoll: „Meine Donna, das Haus Don Celianadas ist weniger als eine Stunde entfernt, und so steht diese Reise nach dem Willen der guten Götter vor ihrem glücklichen Ende.“
Er lächelte zuversichtlich, so daß Lutisana ihren Gedanken an Gesetzlose vergaß.
Sie ließ sich wieder in das Geschüttel und Gerüttel ihres Sitzes sinken und sah Cedors Bild vor sich. Wie hatte sie sich zueinander gezogen gefühlt, wie wild und rahjagefällig waren sie in der ersten Zeit! Nicht minder waren sie jetzt Geliebter und Geliebte. Wie wohl es tat, nicht auf Heiratskontrakte und Familienpolitik achten zu müssen, sondern ganz dem Ruf des pochenden Herzens und des leichten Blutes folgen zu können! Cedor de Celianada hatte für sie die Nandusschule in Methumis gestiftet und sie dort mehrmals heimlich besucht. Mit einem kleinen Boot war er des nachts von Chetoba nach Methumis gerudert...
Und als ein trauriges Schicksal seine Gemahlin in Borons Arme geführt hatte, wer mochte es nach einem Götterlauf des Gedenkens Cedor und ihr verdenken, als sie einander die Hochzeit gelobten? Jetzt war es soweit!
Anders klang plötzlich das Schlagen der Hufe, und Lutisana begriff, daß nun Steinplatten den Weg bedeckten und sie in der Nähe der Burg und ihres Dorfes sein mußten. Offenbar war der Brautzug auch aus dem Wald herausgekommen, denn der leichte Nachtwind brachte kein Rascheln und Knacken von Geäst und Laubwerk mehr hervor. Wortfetzen trieben durch das Dunkel, der Zug geriet ins Stocken und kam schließlich ganz zum Stehen.
Als Lutisana den Vorhang lüftete, schimmerte das Weiß gekalkter Katen durch die Schwärze. Zwischen den Silhouetten der Hütten vermeinte sie eine sehr ebene, tiefgründig dunkle Fläche matten Kristalls zu bemerken und erinnerte sich, daß Eskenderun an oder in einem weiten See liegen sollte. Man nannte ihn den Geronsee, weil in uralten Zeiten hier der einhändige Held Geron den Drachen von Chababien überwunden hatte. Vermutlich waren sie nun in dem Dorf angelangt, das der Burg vorgelagert war.
Lutisana hörte an der Spitze des Geleitzuges Stimmen murmeln. Dann kam Cavalliero Aran zu ihr nach hinten geritten und meldete: „Man hat uns erwartet, obschon die Stunde spät ist, und wird uns nach Eskenderun führen. O Donna, dies heißt, der Augenblick naht, da wir unseren Dienst erfüllt haben, denn Don Cedor de Celianada erwartet Euch, um seine Braut in sein und Euer Haus zu führen.“
„So steht mir denn bei auf dem letzten Stück des Weges, bis ich meine Hand in die seine lege. Habet den Dank einer Dame, die Eures Dienstes gedenken wird. Habet Dank... Ich bin bereit.“
Aran gedachte jener Nacht...
Part III