Hochzeit auf Eskenderun/XIX

XIX.
Der Trodinar erklomm die Stufen der Wendeltreppe und trat auf den südlichen Turm hinaus. Es war eine laue Nacht zwischen Frühling und Sommer. Längst war die Sonne versunken und hatte Finsternis hinterlassen. Über ihm breitete sich das Sternenzelt aus. Cedor beugte sich zwischen zwei Zinnen hinaus und sog mit tiefen Zügen die erquickend kühle Nachtluft ein. In der Zinnenlücke zu seiner Rechten erschien das schwarzbärtige Gesicht des Barons von Shumir.
„Phex zum Gruße“, sagte Kemoc und lächelte Cedor an, „ich ruhe mich auch ein wenig vom Trubel aus. Findet Ihr nicht, daß die Mondstunden am schönsten sind?“
„Kommt darauf an, was man zur Mondstunde macht!“ grinste Cedor.
Er war etwas müde, fand Kemoc den Schwarzen aber sympathisch. Eine Weile spähten beide in die Dunkelheit. Der See schlief, aber im Dorf sah man viele Lichter, schwarze Männchen tanzten vor dem Hintergrund des Feuerscheins. Die Nacht des siebenten Rahja war das ausgelassenste Fest im Jahreslauf, auch für die Fischer und Bauern. Burschen und Maiden würden aus dem Lichtkreis der Feuer taumeln und sich in die Büsche schlagen. Im Rahjaopfer war kein Unterschied zwischen hoch und niedrig...
„So einfache und so gute Leute...“ flüsterte Cedor bewundernd. „Sie kommen nie aus dem kleinen Dorf heraus und sind glücklich.“
„Ihr seid traurig, weil diese Menschen in einer Gefahr schweben, von der sie nichts ahnen?“
„Kemoc! Woher wißt Ihr das?“
Der Schwarze Baron gab nicht sofort Antwort. Aus dem Schilfgürtel des Sees drang das Quaken des allnächtlichen Froschkonzerts zu den beiden Männern.
Dann sagte Kemoc: „Ich habe Eure Rede vernommen, und Ihr spracht Worte, Cedor, die nur einer sprechen kann, der um... gewisse Dinge weiß. Da erschrak ich über Eure Furchtlosigkeit. Kennt Ihr denn keine Angst?“
Cedor trat aus den Zinnen zurück und blickte auf den Boden, dann Kemoc voll ins Gesicht.
„Was glaubt Ihr? Natürlich habe ich Angst! Ich gebrauche große Worte, um das Pochen meines Herzens zu übertönen, das ist es!“
„Das ist gut“, sagte Kemoc der Schwarze, „denn nur so wißt Ihr auch, was ich fühle. Ich wollte schon früher mit Euch reden. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, denn die Zeichen, die der Kundige zu lesen weiß, verheißen nichts Gutes. Und da ich das Alte Reich in größtmöglicher Stärke sehen will, so es wirklich zu derartigem Unheil kommen sollte, vertraue ich meine Befürchtungen Euch an, da Ihr schon in Wort und Tat kundgetan habt, daß Euch das Wohl des Lieblichen Feldes mehr als manch anderem am Herzen liegt.“
Cedor erwiderte: „Früher oder später wird es zwischen Macrin und mir zur Auseinandersetzung kommen. So vieles liegt in beiden Reichen im Argen, im Neuen und Alten. Aber das sind alles nur kleine Fäden in Seinem Gewebe. Wir leben in den Tagen der Entscheidung, da Sein Schwarzes Auge über Aventurien streift und die Herzen prüft, ob sie sich Ihm zuwenden. Ich wünschte, es wäre nicht in unseren Tagen geschehen. Aber das wünschen alle, die in solche Zeiten geboren werden. Du kennst Seinen Namen?“
„Borbarad“, zischte Kemoc ihm ins Ohr.
„Genau“, seufzte Cedor de Celianada, und Kemoc der Schwarze wußte nichts mehr zu sagen.
Nach einer Weile wandte sich der Trodinar zur Wendeltreppe: „Ich gehe zurück in den Saal. Kommt Ihr mit?“

Part XX