Hochzeit auf Eskenderun

vom Herr aus Ö.

I.
Nacht lag über Chababien, eine grimme, frostige, finstere Nacht. Der Mond war eine ferne, blasse Sichel in samtiger Schwärze, blau blinkten Sterne. Ein schneidender Wind pfiff durch Fugen und Spalten der Katakomben von Karsina. Die Höhlen und Treppen, die Zacken der Klippen, sie alle lagen verlassen da, keines Menschen Mund atmete dort die kühle Brise des Meeres ein. Doch in einem Gelaß tief in den Felsen brachte der Nachtwind einen Wachenden zum Frösteln und zerrte an einem schwach flackernden Flämmchen:
In der Kapelle kniete ein schöner junger Mann von achtzehn Jahren. Er hatte dichtes, gekräuseltes schwarzes Haar und Lippen, die Tsa zum Küssen geschaffen haben mußte. Ein schimmerndes Panzerhemd umhüllte seinen schlanken Körper, darüber hatte er einen Waffenrock geworfen. An seiner Seite hing jedoch kein Schwert.
Sein von der Sonne gebräuntes Antlitz war edel und kühn. In ihm brannte das Feuer des reinsten Blutes Chababiens, denn des Alten Hauses vom roten Stier letzter Nachkomme und Erbe war er. Seinem Wappentier ähnelte er inner- und äußerlich aber nicht, viel mehr etwa einem feurigen, jungen Pferd. In seinen Augen tanzten golden zwei Lichter, der Widerschein der Kerze. Mochte sonst Übermut in diesen Augen lachen, jetzt wirkten sie übernächtig, doch entschlossen. Banger Ernst und klammer Stolz stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Er kniete auf dem kalten steinernen Boden und blickte zu den drei Götterstatuen hin.
Eine kriegerische junge Frau stellte die in der Mitte vor - Thalionmel, Märtyrerin Chababiens. Sie hatte ihr Volk mit dem Schwert gegen die Übermacht der Götzendiener verteidigt und dafür ihr Leben gegeben.
Der junge Mann betete leise: „Heilige Thalionmel, Deine Liebe zur Göttin hat alles übertroffen, Deine Ehre hieltest Du unbefleckt bis zum Letzten. Thalionmel, ich bitte Dich, gib mir Kraft, es Dir gleichzutun, wenn mein Schicksal es fordert - laß mich nicht feige verzagen, sondern auf den Mut des Herzens und die Schärfe des Schwertes bauen. Segne mich, daß ich mich am Morgen meines Namens würdig erweise, wenn ich vor den Trodinar trete.“
Als betörende Frau mittleren Alters erschien die Göttin zur Linken - Rahja, Herrin von Sehnsucht und Erfüllung. Ganz Chababien, hieß es, war ihr ein einziger Tempel.
Der Betende rief ungeduldig: „Ach Göttin der Liebe, die Stunden zum Morgen vergehen, aber welche Ewigkeit wird noch vergehen, bis Du mein heißes Flehen erhörst? Sie ist hier in Karsina, die ich liebe und begehre, und doch so grausam fern, als weilte sie jenseits des Meeres! Wann werden meine Verse in Lutisana ay Oikaldiki den Funken entzünden, der in mir so verlangend und qualvoll brennt? Und sie ist einem anderen versprochen!“ In hilflosem Zorn schüttelte der Jüngling die Fäuste, um sie gleich wieder sinken zu lassen. Seine Schultern zuckten.
„Ach, ich darf gar nicht daran denken - ich kann es nicht - denn er, der andere - er ist mein guter Herr, dessen Knappe ich bin! ... Lutisana, ach Lutisana...“
In der Kapelle hallte es wieder: Lutisana... Dann durchbrach nur das ferne Rauschen der Meeresbrandung die Stille.
Endlich wandte sich der Knappe dem dritten Standbild zu. Es war das älteste - Karsina, die Stadtgöttin. In den Tagen Bosparans hatten viele Orte ihre eigene Personifizierung als Alveraniar verehrt.
Des jungen Mannes Züge wurden weich: „Siona, meine Mutter, an dich muß ich jetzt denken. Bist du doch die Herrin und Edle von Karsina, seit Vater von seiner Fahrt nicht zurückkam. O Chadim Therim ash Manek, mein Vater! Was mußtest du gen Güldenland segeln! So haben wir dich und das Lehen Eldoret verloren - und ich habe keinen Vater mehr.“
Er senkte den Kopf.
Eine Bewegung in seinem Rücken ließ ihn zusammenfahren.
„Wer ist da?“ rief er blitzenden Auges und sprang auf.
Eine schöne Frau von vielleicht dreißig Jahren trat in die Kapelle. Ihr dunkles Haar fiel offen herab. Mit ihren nach oben gewendeten Händen trug sie ein Schwert.
Der Jüngling lächelte glücklich: „Donna Lutisana...! Ist es wahr? Ihr sucht mich bei meiner Nachtwache auf? Bei Rahja, ich...“
„Solltest Ihr nicht besser an Rondra denken, Herr Knappe?“ tadelte ihn die Donna. „Mit dem ersten Sonnenstrahl wird Don Cedor de Celianada, Trodinar von Thegûn, dich, Aran Therim ash Manek, zum Cavalliero schlagen. Es ist aber seit jeher das Vorrecht der Alten Häuser Chababiens, daß ihre Söhne und Töchter nicht waffenlos den Ritterschlag empfangen, sondern bereits mit dem Schwert an der Seite.“
Aran Therim erinnerte sich des Brauches. „Von niemandes Hand würde ich lieber die Klinge empfangen als von Eurer...“ murmelte er mit errötendem Gesicht.
Lutisana ay Oikaldiki tat so, als höre sie es nicht. Sie gürtete den jungen Aran mit der Waffe, trat zurück und musterte ihn: „Du siehst ganz ordentlich aus.“
Für Aran war diese Bemerkung seiner Angebeteten das größte Lob auf Deren.
„Lutisana - Donna Lutisana, ich wollte, ich müßte nicht zwischen dem Ruf meines Herzens und dem Schwur meiner Treue wählen!“ stieß er hervor.
Die Donna entgegnete voll Mitleid: „Aran, in wenigen Stunden werde ich ‘Ihr’ zu dir sagen, denn dann wirst du Cavalliero sein und deine Pflicht erfüllen. Du mußt nicht wählen, denn ich habe gewählt. Ich werde Cedor de Celianada heiraten. Ich versage dir aber nicht, in meine Dienste zu treten. Kopf hoch, junger Kämpfer - Aventurien hält so viele Mädchen bereit...“
Damit verließ sie die Kapelle. Sinnlos hämmerte Aran Therim an die steinernen Wände, bis sein Herz wieder ruhiger schlug und er die Nachtwache vor dem Ritterschlag fortsetzen konnte.

Part II