Das Große Fest zu Brelak/IX
Tausendundein Rausch
Wir aber gaben unseren Rössern die Sporen und langten endlich glücklich auf der Burg- ein. Nach und nach trafen des späten Nachmittags die versprengten Teile der Jagdgesellschaft auf Eskenderun ein, auch der Trodinar kehrte mit dem Großteil der Gäste vom See zurück. Im Schloß ließen warme Bäder, frische Gewänder und eine Spanne erholsamen Müßiggangs die Anstrengungen der Jagd rasch vergessen. Cedor Celianada lud Freiherr Lodovic von Duderow, Kadron Ilmar von Carson und den Baron von Marudret zu einem gemeinsamen Bad ein, um in gewähltem Rahmen über dies und das vertraulich zu plaudern. Dabei maßen die Herren in der Badestube sich in hochgeistigen Spielen wie Urdas und Inrah. Konnte Seine Hochwohlgeboren Cedor in mehreren Partien ersteren Spiels triumphieren, mußte er sich doch den Inrahzügen des Bornländischen Botschafters geschlagen geben.
Fand dieser zwanglose Zeitvertreib Gefallen, begeisterten Rote und Weiße Kamele: Als Liebhaber dieser Herausforderung taktischen Geschicks konnte der Gastgeber ein solcher Leidenschaft würdiges Spielbrett vorweisen: von zauberischer Kraft gelenkt, bewegten sich die Figuren, ja, das Brett spielte gegen Herausforderer wie ein menschlicher Gegner! Auf Fragen nach Ort und Art des Erwerbs dieses Artefakts gab der Burgherr den verblüfften Gästen bloß die Antwort, das sei eine zu lange Geschichte, sie bei dieser Gelegenheit zu erzählen - denn es schien Zeit, die angekündigte Aufführung eines Lustspiels nicht weiter hinauszuzögern.
In höfischer Gewandung fand sich die Gästeschar im Garten Eskenderuns ein und ließ sich auf mit Teppichstücken und Pölstern belegten Bänken nieder. Eine Komödiantentruppe aus Belhanka sollte auf der hölzernen Bühne ihr Können beweisen. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Die Handlung des Stücks war dem volkstümlichen Werk "1001 Rausch" entnommen: In einer Stadt im Tulamidenland lebt ein Schneider. Eines Abends kehrt bei ihm ein kleiner Buckliger ein. Der gastfreundliche Schneider wartet einen schmackhaften Fisch auf, unglücklicherweise verschluckt der Bucklige eine Gräte und sinkt leblos zu Boden. Der Schneider gerät in große Angst, man könnte ihn als Mörder ansehen; so trägt er den Toten nächtens zum Haus eines Arztes und ruft nach diesem: Er habe einen Schwerkranken bei sich. Schnell legt er den Toten auf die Haustreppe und flieht.
Der Arzt eilt im Dunkeln aus dem Haus, stößt gegen den Leichnam, der polternd die Stufen hinunterrollt, und glaubt, durch Ungeschicklichkeit einen Gebrechlichen getötet zu haben. Auch ihn packt die Angst; er läßt den Toten an einem Strick dem Nachbarn zum Schornstein runter. Der Nachbar kommt weinselig von einem Hochzeitsmahl, hält den in seiner Stube steif an der Wand lehnenden Toten für einen Einbrecher und prügelt auf ihn ein, bis er umfällt. Aus bekanntem Grund geht die Leiche wieder auf Wanderschaft und wird in einer finsteren Gasse an eine Hausecke gelehnt.
Ein Nordländer hastet vorbei und stößt an den Toten, der auf ihn zufällt; der Nordländer meint, von einem Räuber angefallen zu werden und "wehrt" sich mit heftigen Stockschlägen. Da entdecken ihn Nachtwächter des Sultans, als Mörder werfen sie den mit einer Leiche aufgefundenen "Ungläubigen" in den Kerker. Der Sultan läßt keine Gnade walten, schon wetzt der Scharfrichter für den unglücklichen "Mörder" das Richtbeil und hebt es zum Schlag... Da eilt des Arztes Nachbar herbei und bekennt seine vermeintliche Schuld - die Hinrichtung eines Unschuldigen konnte er nicht geschehen lassen. Nun liegt er anstelle des Nordländers auf dem Richtblock, es soll ihm an den Kragen gehen...
Da "gesteht" der Arzt seinerseits... dann der Schneider, der am Ende als Ausgangspunkt der Konfusion und Schuldiger am Ableben des Buckligen das Leben zu lassen habe. Der Arzt aber betrachtet die Leiche genau, lacht hell auf und zieht mit einer Zange die Fischgräte aus der Kehle des Buckligen, der als nach wie vor Lebendiger wieder die Augen aufschlägt. So lösen sich die Verwicklungen in Wohlgefallen auf.
Die Komödie wurde mit lebhaftem Beifall bedacht, sogar Baron Agadir ibn Karim Omar konnte sich trotz anfänglichen Unwillens ob der "pseudo-novadischen Maskerade" das Schmunzeln nicht verwehren. Nur einer war dem Schauspiel mit Kummermiene gefolgt: dem blassen Hofschreiber war dies aber kaum zu verdenken, denn die Kalkulation des Schaustellerlohns und des sonstigen Dukatenschwunds in diesen allzu rasch verrauschenden Lustbarkeiten vermag einem herrschaftlichen Buchhalter gewiß das Gemüt zu verfinstern...
Don Cedor indes geleitete als die Zuvorkommenheit in Person die Gesellschaft aus dem Garten. Mir stockte ein ums andre Mal der Schritt: Grandioses Abendrot färbte feurig Horizont und Firmament, warmes Glühen hing in der lauen Luft des verlöschenden Sommertages. Schwer von Blütenduft war sie, als wir über weiches Gras zum Einhornteich schritten. Sein ungekräuseltes Wasser wirkte an diesem Abend wie ein dunkler Spiegel.
Dienstbare Geister entzündeten filigrane Laternen, die in Akazienzweigen über einer am Teichufer aufgebauten Festtafel hingen. Auf derselben erwartete der Inhalt von üppigen Blumendekorationen umkränzter Schüsseln bereits seine Enthüllung. Als Gustus gab es saure Rübenpastete mit würziger Sauce. Eine beiläufige Bemerkung ging um, es handle sich um ein thorwalsches Rezept, doch das gewisse Mißtrauen zerstreute sich beim Genuß dieser Vorspeise rasch, besonders angesichts des Gerstensafts der Brelaker Brauerei. So nahm das Mahl einen fröhlichen Verlauf.
Der Ruf der Ehe und des Abenteuers