Granden und Kavaliere - Der Adel des Wilden Südens
"Die Hebamme tauchte ihre Hände ins Becken mit dem heißen Wasser, dann ins Schweinefett und dann von neuem in der Wanne. Unterdessen wischte die Zofe Mund und Bauch der Wöchnerin mit in Bergamotte-Essenz getränkten Tüchern ab. ...
Aber in dem Moment, als sich die Domña zum Sterben bereit machte, kam das Kind, tintenblau und ohne zu atmen. Und die Hebamme packte es bei den Füßen und schüttelte es, als sei es ein Kaninchen, das für die Pfanne vorbereitet würde. Bis das Neugeborene endlich das Gesicht verzog, seinen zahnlosen Mund aufriß und zu weinen begann.
Die Zofe hatte inzwischen der Hebamme die Schere gereicht, und diese durchtrennte mit einem entschiedenen Schnitt die Nabelschnur und sengte sie mit einer kleinen Kerze an. Der Geruch des verbrannten Fleisches war der Wöchnerin in die mühsam atmende Nase gestiegen: Sie mußte nicht sterben, der beißende Geruch brachte sie zum Leben zurück, und mit einem Mal fühlte sie sich erschöpft und glücklich.
Die Zofe arbeitete eifrig weiter: Sie säuberte das Bett, legte ein frisches Stück Weißlinnen um die Hüften der Wöchnerin, streute Salz auf den Nabel des Neugeborenen, Zucker auf den noch blutverschmierten Bauch und rieb den Mund mit Öl ein. Dann, nachdem sie das Neugeborene mit Rosenwasser abgewaschen hatte, wickelte sie es in Binden, so daß es von oben bis unten eingeschnürt war. ...
Jetzt schnitt die Hebamme mit ihrem langen, spitzen Fingernagel das Zungenbändchen des Neugeborenen durch, sonst würde es später stottern; und wie die Tradition es vorschreibt, hatte sie dem weinenden Kind zur Beruhigung einen Finger voll Honig in den Mund gesteckt.
Das letzte, was die Mutter sah, bevor sie in einen tiefen Schlaf fiel, waren die Hände der Hebamme, die die Plazenta gegen das Fensterlicht hielten, um zu zeigen, daß sie ganz war, daß sie sie nicht herausgerissen und keine Fetzen davon im Bauch der Gebärenden zurückgelassen hatte."
-Dacia Maraini, Die stumme Herzogin
Die Mitglieder der chababischen Adelsfamilien nennen sich Kavaliere. Die Höchsten der Kavaliere sind die Granden: der Erzherzog von Chababien, die Gräfin von Thegûn, die Barone von Kabash und Suderstein; auch der Kaiserdrache Shafir wird hier genannt. Die Kinder der Kavaliere heißen Infanten.
Viele Titel, die an der Kababischen Küste noch ganz ‚liebfeldisch' ausgesprochen werden, nehmen in der Pampa und im Chabab-Tal einen eigenen Klang an: So wird aus dem Signore ein Señor, aus der Gransignora eine Grand Señora, aus dem Marchese ein Marques. Statt Graf heißt es Conte, statt Verwalter Vizedom, statt Kapitan schreibt man Capitán.
Die Señora Neetya Phexdane ai Käferion wird durch Kavaliere und Bürger mit Domña Neetya oder Madonna angesprochen, durch ihre Pächter und Arbeiter mit Madre. Comto Anduan Largamon Garén wird durch seine Standesgenossen mit Dom Anduan angeredet, durch die von ihm Abhängigen mit Padre oder Padrone. Der einfache Geweihte Phecano Regotis wird mit Fra Phecano oder Frater angeredet, die Tempelvorsteherin Arsella dall'Sfatto mit Domña Arsella. Daneben sind natürlich auch die üblichen Anreden wie Euer Wohlgeboren, Hochwürden etc. möglich.
Grundlage des Reichtums und der Macht des Adels sind seine ausgedehnten Güter, die von tausenden Pächtern und Landarbeitern bewirtschaftet werden. Die Barone und Señores residieren auf ihren Landsitzen wie kleine Fürsten, ihr Wort ist hier Gesetz. Diese Landhäuser und Villen gelten den Familien als ihr Sitz und Elternhaus, auch wenn sie große Teile des Jahres in ihren Stadthäuser verbringen. Ihre Verwalter und Vizedoms sehen für sie nach dem Rechten und repräsentieren in vielen Dörfern die eigentliche Herrschaft.
Doch der Stolz der Kavaliere gründet in unendlichen Ahnenreihen. Geld und Besitz kann man verlieren, die Herkunft nie. Die ältesten Familien der Provinz gehen auf die Tage Bosparans vor über tausend Jahren zurück. Eine Familie wie die da'Malagreias von Kabash betrachtet selbst die mit dem Wilden Süden so verwurzelten Oikaldikis als Emporkömmlinge. Dieser Hochmut paart sich mit Gleichgültigkeit gegenüber dem Los der armen Schichten.
Das erstgeborene Kind erbt Titel, Reichtum und Macht, die Zweit- oder Drittgeborenen werden Priester der Familiengottheit. Die Familien stiften prächtige Altäre zu Ehren der Götter und Kenotaphe zu eigenen Ehren. Als Gegenleistung für diese Patronage erwarten sie von ihrem bevorzugten Tempel nicht nur Priesterstellen für die eigenen Kinder, sondern auch freie Posten für Tempeldiener, wenn Pächterfamilien zu belohnen sind, Mitsprache bei der Bestellung des Tempelvorstehers - und natürlich göttlichen Beistand in allen Lebenslagen, sei es bei Dürre auf den Feldern, Krankheiten in den Herden, Rechtsstreitigkeiten mit den Nachbarn oder Probleme mit Rebellen ...
Latifundien der Granden und Kavaliere
Vorläufer
Söldner
Das Gesetz des Südens
Die Reichen von Neetha
Geburt
Religion in Chababien
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