Das Gesetz des Südens


"Ich verliere den Thron, euch aber werden sie nur die Augen zum Weinen lassen!"
-Phrenos ay Oikaldiki

Im ‚Wilden' Süden gilt eine starre Gesellschaftsordnung. Reichtum und Armut, Hochmut und Elend bilden schreiende Gegensätze.
Das Land, das die Familien der Bauern seit Jahrhunderten bestellen, gehört ihnen nicht. Sie haben es nur gepachtet. Gepachtet von den Familien der Grundbesitzer. Die Grundherren machen sich ihre Finger nicht mit Erde schmutzig. Das überlassen sie ihren Pachtbauern. Sie kassieren nur den Pachtzins. Was den Landpächtern dann noch übrig bleibt, ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Jedenfalls für die Unterpächter. Denn zwischen denen, die die Arbeit tun, und denen, die den Ertrag verprassen, gibt es noch viele Zwischenschichten. Da sind die Aufseher und Verwalter, die sich an ihrem Anteil mästen, da sind die Großpächter und ihre Unterpächter und bäuerlichen Hilfsarbeiter, da sind die Steuerpächter und Landarbeiter, die Büttel und Priester, die Goblins und Getreidespekulanten. Was all das verbindet, ist die Ungerechtigkeit des Systems, das nur ein paar Großgrundbesitzer und geschickte Geschäftsleute vermögend macht, während die Masse der Bauern mit einem Existenzminimum auskommen muß, das sich von Ernte zu Ernte verändert.
Doch das ist nicht alles. Nach dem Sturz der Oikaldikis überzogen die ‚Vinsalter' den Wilden Süden mit einem Steuersystem, das nach urbanen, merkantilen Gegebenheiten berechnet war und das agragrisch orientierte Chababien mit aller Härte traf. Steuerschulden ließen den Landadel verarmen, der bisher für Arbeit und Brot sorgte. Der kaiserliche Fiskus konfiszierte auch die markgräflichen Güter und verminderte so das Kapital des Südens. Doch die neuen Herren arrangierten sich mit dem alten Klüngel. Korruption und Cliquenwirtschaft verbinden, gemeinsam lenkt man die Steuern in dunkle Kanäle, die jedermann kennt, ohne sie beim Namen zu nennen, verkleidet seine pompösen Paläste mit hartem Marmor und läßt das Volk in seinen zerfallenden Hütten leben. Der Schweiß des Volkes ist jener blutige Lebenssaft, an dem sich die Oligarchie des Wilden Südens viehisch mästet.
Die Folgen sind Hunger und Krankheiten. Die Frauen erleiden Fehlgeburten, verursacht durch zu schwere körperliche Arbeit. Männer und Frauen arbeiten vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang und können doch kaum den Tisch für ihre Kinder decken. Es ist eine stete Armut, an der man letztlich nicht verhungert, die aber schmutzig und grausam genug ist, daß sie zu Elend und Wut führt. Die Reaktionen darauf sind so verschieden wie die Menschen: Resignation, Aufstiegshoffnungen, die Landflucht, die Auswanderung, die Gesetzlosen, die Casanostra.
Tatsächlich nehmen es viele Chababier leicht. Optimismus und Gelassenheit sind Tugenden des Wilden Südens - alles ist gut, solange es noch Anisschnaps gibt. Die Widrigkeiten des Lebens betrachtet man mit ohnmächtiger Ironie. Was kann man schon tun? Die Bauern lassen sich ohne Gegenwehr erpressen und bezahlen selbst für das lebenswichtige Wasser, das ihnen die Grundherren auf die eingetrockneten Felder leiten lassen. Die Grundherren sind ohnehin stärker. Die Zornigen werfen den Lethargischen ein nahezu sadistisches Vergnügen am eigenen Elend vor.
Davon gibt es eine um Hoffnung bereicherte Variante: die Hoffnung auf den schwierigen und jederzeit aufhaltsamen Aufstieg eines schweißüberströmten, nach Erde und Armut stinkenden Taglöhners zum halbverhungerten Landpächter, der durch Entbehrungen allmählich so weit kommt, daß seine Kinder oder Enkel sich eine Scheibe vom Großgrundbesitz abschneiden - und dann selber verpachten, selber ausbeuten, selber Wucherpreise fordern können. Diese Hoffenden verraten Gesetzlose an die Büttel der Grundherren und leben daher in der Angst, ermordet zu werden.
Wer sich nicht anpassen will, aber nicht die Kraft hat, den Kampf mit den Grundherren aufzunehmen, geht fort. Fort vom Land oder ganz fort aus dem Wilden Süden. In der Stadt werden diese Kinder der Kleinpächter und Landarbeiter in den Manufakturen fronen, sie werden ihre Arbeitskraft oder ihren Körper verkaufen und von skrupellosen Patriziern, den Bundesgenossen der Grundherren, ausgebeutet werden. Viele junge Chababier wandern ‚ins Liebliche Feld' aus. Die Auswanderungszahlen erreichen Jahr für Jahr neue Rekorde, und die Auswanderer kommen in aller Regel nicht mehr zurück.
Doch viele spüren jenen Zorn im Herzen, der die Gesetzlosen in die Berge treibt. Wer ‚in die Berge geht', schließt sich den Räubern an, um der Willkür der Grundherren zu entrinnen. Die Gesetzlosen sind ehemalige Landarbeiter, ehemalige Pächter, die mit ihren Grundherrn in Konflikte gerieten, vertrieben wurden, die Vertreibung nicht abwarten wollten. Viele wurden auch durch die rote Keuche entwurzelt. Sie schließen sich zu riesigen Banden land- und gesetzloser Desperados zusammen, plündern die Reisenden, die Reichen und deren Handlanger aus - und das kann fast jeder sein. Zu den Gesetzlosen kommen geflohene Goblinsklaven: Es gibt Goblinbanden, Menschenbanden und sogar gemischte Banden - was natürlich zu Streit innerhalb der Gesetzlosen führt und den Reichen willkommene Argumente gegen die ‚Goblinfreunde' bietet.
Der berühmteste Capo der Gesetzlosen ist der ‚Bunte Gorm', der den Aufstand der Pflücker von Kabash anführte. Einmal in jedem Jahr treffen die Bandenführer der Gesetzlosen in einem kleinen Dorf zusammen. Sie leisten unter offenem Himmel den Schwur, ihren Kampf niemals aufzugeben, einander die Treue zu halten und Verräter gnadenlos zu töten. An diesem Tag sitzen sie zu Gericht, verurteilen Feinde und Veräter zum Tode, loben oder tadeln ihre eignen Unternehmungen, nehmen Aufträge der Casanostra entgegen und beschließen Straßenraub oder Entführungen in eigener Sache. Räuberbanden, die nicht in das Netzwerk der Casanostra eingebunden sind, gibt es kaum - oder sie leben nicht lange.
Denn im Hinterland des Wilden Südens tobt ein erbitterter Kleinkrieg. Kein Lied erzählt vom kläglichen Tod auf den graubraunen Hügeln, wo einige Rebellen gegen die verhaßten Grundherren kämpfen, vergeblich natürlich und ihre Tollkühnheit mit dem Leben bezahlend. Söldner und ‚Rechtswahrer' hetzen die Rebellen, gegen die der Staat vergeblich Regimenter in die Berge schickte. Wo sie die Gesetzlosen nicht fassen können, üben sie blutige Rache an ihren Familien. Die Landstraßen sind mit den Köpfen enthaupteter Banditen geschmückt. Die Reichen haben das Gesetz in die eigene Hand genommen - denn das Gesetz sind sie.

Granden und Kavaliere
Die Casanostra
Die südliche Lebensart

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